DIE MANUFAKTUR

DIE MANUFAKTUR
Entenplatz 9,
8020 Graz
E-Mail: office@diemanufaktur.org
Telefon: +43 (0)316 714934
www.diemanufaktur.org

Ziel ist es, durch handwerkliche Tätigkeiten den interkulturellen Dialog zu stärken.“

Mag.a (FH) Ines Stuchly-Weissensteiner

In keinem anderen Grazer Stadtteil gibt es so viele sozio-ökonomische Projekte, wie im ANNENViERTEL. Eines davon ist die Manufaktur, die 2014 gegründet wurde, ein Beschäftigungsprojekt für langzeitarbeitslose Erwachsene mit starkem interkulturellem Schwerpunkt. Es handelt sich dabei um ein Projekt der St:WUK (Steirische Wissenschafts-, Umwelt- und Kulturprojektträger GmbH).

Der Gedanke hinter dem Projekt
Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Unterstützung und Förderung der beschäftigten Mitarbeiter*innen. Unter dem Dach der Manufaktur wird dies mit dem Engagement für die Themen Bewahren von (Alt)bestand, Restaurierung, Reparaturen, Kreislaufwirtschaft, Weiterverwenden von Materialien und Ressourcen, Umweltschutz und Bewusstseinsbildung für Nachhaltigkeit – sozial, kulturell, ökologisch und ökonomisch – verbunden. Dabei ist uns der interkulturelle Dialog wichtig“, kann man in einer Broschüre der St:WUK über den Verein „Die Manufaktur“ lesen.

„Je länger Menschen arbeitslos sind, umso schwieriger wird es für sie, wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Insbesondere Alter, Migrationshintergrund, sprachliche Barrieren sowie körperliche und psychische Erkrankungen erschweren den Zugang zum Arbeitsmarkt“, beschreibt Mag.a (FH) Ines Stuchly-Weissensteiner die gesellschaftliche Herausforderung. Diese Entwicklungen haben sich durch die aktuelle Covid-19-Situation noch weiter verstärkt. Die gelernte Steinmetzin und studierte Sozialarbeiterin ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins. Sie war am Anfang auch im Vorstand und leitet jetzt das Beschäftigungsprojekt.

Wie kam es zu den Beschäftigungsschwerpunkten?
Sämtliche Gründungsmitglieder des Vereins sind Handwerker. Obmann Gerhard Zottmann leitet selbst einen großen Restaurierungsbetrieb und hat jahrzehntelange Erfahrung in der Branche. So wurde 2014 hauptsächlich mit Tätigkeiten im Bereich der Restaurierung gestartet. Der Verein ist über die Jahre gewachsen und es sind immer mehr Bereiche dazugekommen. Die Restaurierung von Baudenkmälern ist so etwas in den Hintergrund gerate und hat zum Beispiel der Nähwerkstatt mit dem Schwerpunkt Upcycling Platz gemacht. Außerdem gibt es inzwischen auch Deutschtrainings für Beschäftigte mit Migrationshintergrund. „In den letzten beiden Jahren ist eine sehr schöne Zusammenarbeit mit ,Nachhaltig in Graz’ entstanden und der Tausch- und Verschenkbereich wurde ausgebaut“, erzählt Ines Stuchly-Weissensteiner.

Transitarbeitsplätze als (Neu)start in den Arbeitsmarkt
Das Projekt startete ursprünglich in der Josefigasse 1. Da es an diesem Standort bald zu eng wurde, zog die Manufaktur Anfang 2018 in die größeren Räumlichkeiten am Entenplatz 9, nahe dem Griesplatz. Im Schnitt arbeiten 20 bis 30 Leute im Rahmen der Manufaktur. Nicht alle arbeiten im Haus, manche „schwirren“ auch herum, um Restaurierungsarbeiten an Gebäuden durchzuführen oder Bücher zu „retten“. Es handelt sich hier um sogenannte „Transitarbeitsplätze“, die Leute sind zwischen drei bis sechs Monate im Verein beschäftigt, Ziel ist die Arbeitsmarktintegration. Es gibt zwei Projektteile: Bei einem sind die Mitarbeiter*innen im Rahmen eines AMS-Projekts vollversichert – dies wird vom AMS und dem Land Steiermark gefördert und dann gibt es noch einen niederschwelligen Projektteil, NIEBE (Niederschwellige Beschäftigung in den Steirischen Regionen). Dabei handelt es sich um sehr niederschwellige Arbeitsplätze, die vom europäischen Sozialfonds mitgefördert werden. Hier können die Leute geringfügig einsteigen und dann, je nach Möglichkeiten, schrittweise erhöhen.

Reparieren, Upcycling, Tauschen und Verschenken
Alte Möbel werden in der Werkstatt hergerichtet: Sessel geleimt, Tische stabilisiert, Kasteln aufgefrischt, Bilderrahmen repariert und vergoldet, Beschläge geputzt. Vor allem Gegenstände aus Holz werden repariert, Elektrogeräte fallen nicht unter den Tätigkeitsbereich. Auch finden keine aufwendigen Antiquitätenrestaurierungen statt.

Die Materialien zum Nähen und Restaurieren werden zum Großeil gespendet. Nur Dinge, die bearbeitet wurden, werden verkauft, alles andere landet im Tausch- und Verschenkbereich. Verkauft wird beispielsweise auf Adventmärkten und es gibt regelmäßig Aufträge für Firmen. Für das Dekagramm etwa werden Abschminkpads zum Wiederverwenden hergestellt, die „ein absoluter Renner“ sind. Und letztes Jahr beim Ausbruch der Corona-Pandemie wurden tausende Masken für Betriebe genäht. Immer wieder kommen auch Leute mit ihren alten Gegenständen vorbei, um diese reparieren bzw. restaurieren zu lassen und auch das Haus selbst wird von den Projektteilnehmer*innen in Stand gebracht. Die Anrainer rund um den Griesplatz nutzen sehr gerne den Verschenkbereich.

Miteinander im Gries“ – Zusammenarbeit im Viertel
Ein großer Fokus liegt auf der Zusammenarbeit im Viertel. Hervorzuheben sind hier Kooperationen mit dem Straßenfestival Grieskram, dem Verein Base, der Aktion „Nachhaltig in Graz“ und den verpackungsfreien Supermärkten Gramm und Dekagramm. Und es gibt auch ein neues Projekt: „Miteinander im Gries“. „Hier geht es um Umweltschutz, Müllvermeidung und Ressourcenschonung kombiniert mit Gemeinschaftsgefühl im Viertel und sozialem Miteinander. Beim Bürstenladen fällt zum Beispiel Zellulose an, die kann jemand anderer vielleicht brauchen. Wir versuchen die Leute zusammenzubringen, und schauen, ob sich Synergien ergeben und versuchen herauszufinden, welche Themen im Viertel gerade wichtig sind“, so Ines Stuchly-Weissensteiner

Welche Voraussetzungen müssen Mitarbeiter*innen mitbringen?
„Die Leute werden alle vom AMS zu uns geschickt, wir schreiben Stellen aus und das AMS sucht dann geeignete Personen aus. Manche von ihnen sind bereits handwerklich ausgebildet, andere werden bei uns angelernt. Da es oft sprachliche Barrieren gibt, ist es ein Lernen beim gemeinsamen Tun“, erzählt Ines Stuchly-Weissensteiner. Gerade wurde ein fertig ausgebildeter syrischen Tapezierer vom AMS an die Manufaktur vermittelt. Betreut werden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von einem sehr erfahrenen Team von sechs Leuten in den Bereichen Restauration, Upcycling und der Nähwerkstatt.

Wo geht die Reise hin?
„Es entsteht ganz Vieles im Tun, wobei man auf neue Dinge draufstößt, wo sich plötzlich andere Felder auftun – so sind wir gewachsen und haben uns entwickelt, einfach aus dem Tun heraus. Das Netzwerken im Viertel steht für uns im Fokus. Wir sind im Viertel angekommen und möchten hier ein Angebot schaffen zum Tauschen, Teilen, Reparieren und Wiederverwerten. Die lokalen Betriebe rund um den Griesplatz sollen vernetzt werden und das interkulturelle Miteinander weiter gestärkt werden“, so die Vision für die Zukunft der Manufaktur.

Interview: Maria Reiner, Text: Alia Bandhauer Textstudio Graz, Fotos: Maria Reiner, Lektorat: Textstudio Graz