Atelier Erika Thümmel

Erika Thümmel
Dipl. Restauratorin
Jakoministrasse 9
8010 Graz
office@thuemmel.at
Tel +43 664 4541445 oder +43 316 586034
www.thuemmel.at

ÖFFNUNGSZEITEN
Montag–Freitag von 9.00–17.00 Uhr
Zufahrt mit dem PKW von der Grazbachgasse oder der Conrad v. Hötzendorfstraße kommend
8.30–11.30 und 14.30–15.30 Uhr.

Als Restauratorin sieht man die Spuren der Hände früherer Zeiten und erfährt etwas über die Menschen, die ein Kunstwerk erschaffen haben.“

Erika Thümmel

Mitten im schönen ANNENViERTEL befindet sich die Mariahilferkirche und das daran angeschlossene Minoritenkonvent. Da die Bausubstanz im Laufe der Jahrhunderte doch deutlich gelitten hat, werden hier gerade umfassende Renovierungsarbeiten durchgeführt. Im Sommerrefektorium, dem großen Minoritensaal, in dem die Patres in vergangenen Zeiten in den warmen Sommermonaten ihre Mahlzeiten eingenommen haben und heute vor allem Kulturveranstaltungen stattfinden, stehen an allen Wänden und auch im Raum Baugerüste. Hier arbeitet die diplomierte Restauratorin Erika Thümmel mit ihrem Team.

Die Ausbildung zur Restauratorin
Erika Thümmel, geboren 1959, hat am Opificio delle Pietre Dure in Florenz Restaurierung studiert und ist seit 1982 als freiberufliche Restauratorin mit eigenem Atelier in Graz tätig. Ihr Fachbereich sind gefasste Holzskulpturen. „Ich habe schon vor meinem Studium als Mittelschülerin in den Ferien bei Restauratoren gearbeitet und meine Berufswahl nie bereut. Es ist ein so sinnstiftender Beruf, bei dem man das eigene Werken wirklich sehen kann“, erzählt Erika Thümmel. Und so wandern Erika und ihr Team von Baustelle zu Baustelle und übernehmen auch private Aufträge, wie die Restaurierung von Gemälden oder Skulpturen.

In der akademischen Ausbildung zur Restauratorin wird vor allem Kunstgeschichte und Chemie vermittelt sowie gewisse Handgriffe. Gerade was handwerkliche Techniken betrifft, hat sich Erika im Laufe ihrer Arbeit viel selbst aneignen müssen. In der Steiermark gibt es etwa zehn Betriebe und ein paar „Einzelkämpfer“, die locker in der IG Restauratoren vernetzt sind. Außerdem gibt es den Österreichischen Restauratorenverband mit Sitz in Wien, der Fortbildungen, Kurse und Kongresse anbietet. Die Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen, der fachliche Austausch und die Weitergabe von Wissen ist Erika Thümmel sehr wichtig.

Das Atelier von Erika Thümmel
Erikas Atelier restauriert vor allem Gemälde (Öl auf Leinwand, Öl auf Holztafeln), gefasste Holzobjekte und Vergoldungen. „Wir haben immer mit Farboberflächen zu tun, bei Skulpturen, Altären und Marmorierungen. Fresken mache ich nicht“, erklärt die Restauratorin.

Vor 12 Jahren ist Erikas Atelier von der Hinterhofwerkstätte in Eggenberg in die Jakoministraße gezogen. Vier Restauratorinnen sind schon lange bei ihr beschäftigt. Je nach Projekt kommen weitere Angestellte hinzu, momentan besteht das Team aus zehn Personen, sowohl ausgebildete RestauratorInnen als auch KunsthistorikerInnen oder VergolderInnen. Manche kommen von der Ortweinschule, im Team gibt es aktuell auch eine Architektin und einen Perser mit Kunststudium, also Personen mit einer nahen Berufsausbildung, die dann als RestauratorInnen angelernt werden. Erika ist vor allem mit der Organisation und Planung der Aufträge beschäftigt. „Manchmal arbeite ich dann heimlich am Samstagnachmittag, weil es mir einfach Vergnügen macht zum Pinsel oder zum Skalpell zu greifen“, lacht sie.

So arbeitet eine Restauratorin
Bei den Ausschreibungen, an denen Erika Thümmel regelmäßig teilnimmt, müssen die Arbeitsstunden und die Kosten kalkuliert werden. Dann muss entschieden werden, ob einer Vollrestaurierung oder eine Konservierung, also eine Reinigung durchgeführt werden soll. Im Falle des Minoritenklosters handelt es sich vorwiegend um eine Konservierung. Im Minoritensaal sind zurzeit vier Betriebe beschäftigt: Claudio Bizzari aus Fohnsdorf, der die Fresken restauriert, Hubert Schwarz, der für den Stuck zuständig ist, die Steinrestauratoren der Firma von Manuela Fritz und Erikas Atelier, das sich um gefasstes Holz wie Putti und Kanzel kümmert. Erika arbeitet wiederum mit dem Holzrestaurator Carl Maria Stepan zusammen. Es geht vorwiegend darum die 29 Gemälde und deren Rahmen und Rahmenleisten zu restaurieren. Viele davon sind in einem sehr schlechten Zustand und müssen erst einmal gereinigt werden. Da es sich beim Refektorium um einen Speisesaal gehandelt hat, geht es bei den Gemälden ikonographisch um Speisungen und Speiseszenen. Das große Gemälde der „Speisung der 5.000“ von Raunacher ist in einem besonders schlechten Zustand. Auch die Vorlesekanzel, von der aus ein Pater vorgelesen hat, während die anderen Mönche unten an den prunkvollen großen Tischen gespeist haben, wird restauriert. Die Arbeiten sollen noch im Sommer 2021 abgeschlossen werden.

Auf die richtigen Materialien und Techniken kommt es an
Ihre Materialien bezieht Erika Thümmel aus unterschiedlichen Quellen. Das Gold etwa aus der einzigen Goldschlägerei Österreichs in Schwechat, die Pigmente und Lösungsmittel aus dem Restauratorenfachhandel in Deutschland, manches bekommt sie auch hier in Graz, bei Boesner oder Kaspar Harnisch. Manche der Materialien sind gesundheitlich bedenklich, es gilt die Lösemittelbelastung durch sinnvolle Arbeitsmechanismen zu reduzieren. „Manchmal arbeiten wir auch mit Gasmasken, das ist unangenehm“ meint Erika. Einmal im Jahr wird das Atelier von der Arbeitsmedizinerin besucht und beraten.

Oft wird Erika Thümmel gefragt, ob sie mit den alten Techniken arbeitet. „Dazu muss man wissen, dass eine ganz wichtige Prämisse in der Restaurierung die Reversibilität ist, das heißt alles, was ich hinzufüge sollte wieder entfernt werden können, ohne das Original zu beschädigen. Alte Techniken lassen sich nicht so leicht trennen, da fügt man manchmal Trennschichten ein“, erklärt sie.

Ein Blick in der Zukunft
Auf die Frage nach neuen Projekten meint Erika, dass sie momentan völlig ausgelastet sei. Die Restaurierung boome durch Corona. Vor allem in der warmen Jahreszeit findet viel auf Baustellen statt, im Winter bearbeiten sie und ihr Team kleinere Bilder oder Skulpturen im Atelier. Was die Zukunft ihres Handwerks betrifft, ist Erika sehr optimistisch: „Es gibt Arbeiten, die muss man mit der Hand machen, Restauratoren gibt es wenige und sie sind daher sehr gefragt.“ Überhaupt sei es auch aus Gründen der Wertschätzung und Ressourcenschonung wichtig und sinnvoll Substanz zu erhalten. Leuten, die sich für den Beruf interessieren empfiehlt Erika, zuerst einmal ein Praktikum zu machen, um die romantischen Vorstellungen zu hinterfragen. Neben der akademischen Ausbildung gibt es auch die Möglichkeit eines Lehrberufs zum/zur VergolderIn oder StaffiermalerIn.

Ich liebe diesen Beruf, ich möchte nichts anderes machen.“

Erika Thümmel

„Es ist schön, wenn man nach getaner Arbeit ein gelungenes Werk vor sich hat. Ein Werk zu schaffen ist immer befriedigend. Man sieht die Spuren der Hände früherer Zeiten und erfährt etwas über die Menschen, die ein Kunstwerk vor 50 oder 500 Jahren erschaffen haben. Man sieht etwa, ob jemand ungeduldig wurde, manchmal hat man das Gefühl, dass eine Person aufgehört hat und eine andere weitergearbeitet hat. Gute Qualität der Arbeit macht Freude, es gibt gewisse Arbeitsschritte, in die kann man versinken und die Welt um sich herum vergessen, zum Beispiel bei Freilegungen mit dem Skalpell. Bei anderen Tätigkeiten bin ich geistig sehr gefordert, das ist anstrengend“, beschreibt Erika Thümmel ihre Tätigkeit.

Erika Thümmels Lieblingsstück
Zum Schluss möchten wir noch wissen, an welchem Kunstwerk Erika Thümmel besonders gerne gearbeitet hat. „Das ist der Dreikönigsschrein von Erasmus Grasser in Oppenberg, den ich gefestigt und gereinigt haben. Ein exzellentes Kunstwerk, das ganz abgeschieden in einer kleinen Kirche, ganz bescheiden auf dem Seitenaltar steht. Dieses Objekt begleitet mich seit 38 Jahren – ein schönes Kunstwerk, das ich jedes Mal gerne anschaue.“ Ihr größter Auftrag war die Basilika in Mariazell, an der sie 15 Jahre gearbeitet hat – eine sehr komplexe, sehr große Herausforderung.

FACHBEGRIFFE UND PERSONEN

Refektorium: Speisesaal in einem Kloster

Gefasste Holzskulpturen: Gegenstände aus Holz, wie Skulpturen, Altäre, Kanzeln oder auch Fachwerkbalken, die bemalt sind, also mit Grundierungen, Farben und Überzügen „umfasst“ sind

Putto/Putti: (besonders im Barock und Rokoko) Figur eines kleinen nackten Knaben, Kindes [mit Flügeln]

Goldschlägerei: Herstellung von Blattgold, ein Handwerk, das es seit über 5.000 Jahren gibt

Johann Baptist Anton Raunacher: Grazer Maler (1729–1771)

Erasmus Grasser: deutscher Bildhauer und Baumeister (1450-1518)

Interview: Maria Reiner, Text: Alia Bandhauer Textstudio Graz, Fotos: Maria Reiner, Lektorat: Textstudio Graz