Martina Sperl Polsterei

Martina Sperl – Polsterei
Lendplatz 40
8020 Graz
Mail hello@martinasperl.at
www.martinasperl.at

Ihr Ziel ist es, ein altes Handwerk wiederzubeleben und ewig schöne Möbel zu schaffen. Und das gelingt Martina Sperl in ihrer Polsterei ganz gut. Über die Leidenschaft zum Beruf, die Umwege dahin und was sie manchmal in alten Möbeln findet.

„2011 hab ich gegründet“, erinnert sich Martina Sperl mit einem Schmunzeln, „die Lady bei der Behörde war ein bisserl verwundert und musste erst nachschauen wie das Gewerbe jetzt wirklich heißt. In ihrer Amtszeit hat das nämlich noch niemand angemeldet.“ Es gab damals zwar ältere Tapezierer und Dekorateure in Graz, aber die waren als Raumausstatter, Feder- oder Bettwarenerzeuger gemeldet. Martina war 29, als sie mit ihrer Karriere als Tapeziererin und Dekorateurin begann. Sie wollte sich beruflich verändern, denn eigentlich hat sie nach der Matura das Kolleg für Objekt- und Glasdesign in Tirol abgeschlossen. Leicht war das alles nicht, erinnert sie sich: „Wenn du keine Familie hast, die in dem Gewerbe irgendwie beheimatet ist, bist du wirklich auf dich allein gestellt.“

ZUFALL, MUT UND EIN BISSERL PROSECCO
Das Berufsbild begegnete Martina in einem Artikel in der Presse. Da ging es um zwei Brüder, die die Polsterei ihres Vaters übernommen hatten. Dass sie etwas mit Möbeln machen wollte, wusste die Powerfrau eigentlich schon seit ihrem Auslandsaufenthalt in London, nach ihrer Schulzeit. Bloß der richtige Rahmen schien noch nicht gesteckt zu sein. Durch den Artikel und den Wunsch nach beruflicher Veränderung inspiriert, versuchte sie, eine Lehrstelle als Tapeziererin zu finden. Und scheiterte: „Das war wirklich schwer. Es gab null Interesse von Betrieben, mich auszubilden. Die Wirtschaftskammer konnte mir auch nicht helfen und eigentlich waren alle nur der Meinung, den Job braucht doch eh kein Mensch.“  Durch Zufall landet sie im Geschäftslokal eines Taschners, der sie ermutigt, sich bei der Raumdesign Akademie in Salzburg zu bewerben. Obwohl alteingesessene Tapezierer sich beschwert hatten, dass sie als handwerksferne Glasdesignerin zu der Ausbildung zugelassen wurde, stand Martina ein Jahr später bei ihrer Meisterprüfung.

„Wir mussten zum Abschluss eine ganze Koje machen. Sprich, einen Raum bauen, bei dem eine Wand mit Fenster tapeziert, eine andere mit Stoff bespannt wurde. Wir verlegten einen Teppichboden, nähten Vorhänge und Seitenteile und mussten einen Fauteuil schnüren – also die Federn miteinander verbinden“, erzählt sie von der Prüfung, die sie mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen hat.

Zurück in Graz blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbstständig zu machen. Eine Anstellung als Tapeziererin und Dekorateurin zu finden war ebenso schwierig wie eine Lehrstelle als solche zu bekommen. Nach zahlreichen Bewerbungen konnte sie zumindest bei einem Tapezierer in Andritz abends „zuwigreifen“. Er zeigte ihr, wie er praktisch im Betrieb arbeitete und sie konnte, ohne Bezahlung, mithelfen und so einiges lernen und üben. Beim zweiten Glas Prosecco am Lendplatz fiel dann aber letztendlich die Entscheidung zur Selbstständigkeit.

MEHR ALS DO-IT-YOURSELF
Die Kundschaft ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nach der Eröffnung ihre Werkstätte in der Kosakengasse kam die Haarschneiderei mit einem Auftrag auf sie zu – die alten Stühle dort wurden von ihr erneuert. „Genau das wollte ich immer machen – alte Möbel herrichten. Aber nicht nur als DIY sondern schon in wirklich hoher und guter Qualität“, erinnert sich die Polstermeisterin. Die gute Qualität spricht sich herum, während am Anfang die Aufträge nur die Miete decken, zieht sie nach kurzer Zeit um in die heutigen, größeren Räumlichkeiten beim Lendplatz, die früher zu einer Schafwollfabrik gehörten.

Die Möbel und Materialien kauft sie auch über die Viertelgrenzen hinaus. Willhaben war früher ein guter Tipp, erzählt sie, auch bei Aida (Ein Altwarengeschäft, das sich vormals im Bezirk Lend befunden hat. Heute ist es in der Sparbersbachgasse situiert.) hat sie viel gekauft. Martina hat aber auch FreundInnen und Bekannte, die auf ihren Reisen immer wieder die Augen für sie offenhalten und nach besonderen Möbelstücken Ausschau halten. In ihrer Werkstatt steht ein großes Regal vom ehemaligen Gummineger, auf dem sich haufenweise Schaumstoff findet, andere Polstermaterialien wie Gurte, Jute, Moleno, Feder oder Karton kauft sie bei einer Wiener Firma, die sich darauf spezialisiert hat.

BEPANTEN ALS HANDCREME
Alte Möbel wieder herzurichten ist Arbeit mit vollem Körpereinsatz. „Man verletzt sich eigentlich ständig irgendwie. Bepanten ist meine Handcreme“, lacht Martina und schaut auf ihre zerschundenen Hände. Aber sie macht ihr Ding, der Job ist ihre Leidenschaft. Ihr Hauptgeschäft besteht darin, Möbel zu kaufen, herzurichten und weiterzuverkaufen. Sowohl für private Einzelpersonen als auch größere Projekte oder Firmen und InnenarchitektInnen, die ganze Räume ausstatten. Der Preis für die Möbelstücke ist so unterschiedlich wie das Objekt selbst. Zum einen hängt es immer davon ab, wie hoch der unrestaurierte Preis war, den Martina dafür gezahlt hat. Dazu kommen dann noch ihre Arbeitsstunden und die Materialkosten. „Manchmal sehe ich in Prospekten Sofas um 200 Euro, da frag ich mich schon, wie das mit Qualität wirklich gehen soll“, kommentiert sie den Markt.

Findet sie ein Möbelstück, macht sie es erstmal nackig. Das heißt, sie entfernt alle Materialien, bis nur mehr das Gestell da ist. Ist daran etwas wilder kaputt, bringt sie es zum Tischler. Feinheiten wie abschleifen oder nochmal beizen, kann sie selber. Je nach traditioneller oder moderner Polsterung werden dann eigene Materialien wie Schaumstoff, Rosshaar, Jute oder Kokosfleece verwendet. Die Möbel werden geschnürt – das bedeutet, dass die Federn mit Kordeln straff gespannt werden, sodass man sich draufsetzen kann. Martina weiß genau, wie stark sie spannen muss, damit der Stuhl oder das Sofa weicher oder härter zum Draufsitzen ist. Jedes Möbelstück ist eine neue Herausforderung und eine ganz andere Aufgabe, erzählt sie. Rund 30 Stunden braucht sie für ein Sofa, so Pi mal Daumen, je nachdem wie es beisammen ist. 

In den Stücken, die sie kauft, findet sie übrigens allerlei: alte Kaugummis, eine Zange, Zündkerzen, eine Füllfeder und vieles mehr. „Einmal …“, erinnert sie sich lachend: „… fand ich in einem alten Sofa viele Zettel, auf denen ganz ordentlich notiert war, wann wie viel Geld entnommen wurde. Datiert waren die auf die 70er Jahre. Da hat wohl jemand der Bank nicht vertraut.“ Wer weiß, vielleicht entdeckt sie einmal ja das große Geld in einem der Polster. Wobei man in Martinas Polsterei den Eindruck bekommt, dass ihre Möbelstücke an sich der ganz große Schatz sind.

Interview: Maria Reiner, Text: Anna-Magdalena Drusko, Fotos: Maria Reiner, Lektorat: Textstudio Graz