Pell Mell

PELL MELL
Griesgasse 4
8020 Graz
Tel +43 (0)699/17256816 (Bettina REICHL)
Mail pellmell@gmx.at
www.pellmell.at

www.facebook.com/Pellmell


ÖFFNUNGSZEITEN:
MONTAG – FREITAG 10 – 18 UHR
SAMSTAG 10 – 13 UHR

Karin Wintscher-Zinganel & Bettina Reichl sind PELL MELL | Foto © Maria Reiner

Es kann so viel entstehen, so nebenbei, durch die Begegnung von ein paar Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen.“

Bettina Reichl, Geschäftsgründerin, Designerin

Seit mittlerweile sieben Jahren beherbergt das Geschäftslokal mit der hübschen grünen Fassade und den großzügigen Schaufenstern in der Griesgasse 4 den Verkaufs- und Präsentationsraum des Projekts „Pell Mell“. Das Modekollektiv wurde 2002 von vier Grazer Modedesignerinnen gegründet und war zehn Jahre lang beim Kaiser Josef Platz angesiedelt. Neben dem Shop befindet sich in der Griesgasse auch ein Galeriebereich für GastdesignerInnen, die dort temporär ausstellen können. Die Ateliers der Modedesignerinnen Bettina Reichl und Karin Wintscher-Zinganel befinden sich nicht in der Griesgasse. Dafür wäre im Geschäft auch kein Platz.

Karin Wintscher-Zinganel & Bettina Reichl in ihrem Shop PELL MELL | Foto © Maria Reiner

VERNETZUNG VON DESIGNERiNNEN ALS MISSION
Das Projekt Pell Mell hat mehrere staaten- und grenzüberschreitende Events und Performances ins Leben gerufen, wie das Designfestival „assembly“ oder „Crossing Fashion“, eine internationale Modeworkshopreihe zwischen DesignerInnen aus der Steiermark und DesignerInnen aus Afrika, Asien und Südamerika. Ziel ist es, auch heimische DesignerInnen stärker zu vernetzen.

Karin und Bettina „schupfen“ Pell Mell jetzt zu zweit. „Wir sind vom Gründerinnenteam übriggeblieben. Ganz einfach, weil wir das größte Durchhaltevermögen hatten“, meint Bettina und lacht. Bettina ist Modedesignerin. Sie hat ihre Ausbildung nach der Matura in der Modeschule Hetzendorf begonnen und absolviert und sich danach gleich selbstständig gemacht. Zuerst hat sie für verschiedene Firmen Entwürfe und Schnitte gezeichnet und dann begonnen ihre eigene Kollektion zu produzieren.

KOLLEKTION Odrowąż
Bettina Reichl konzentriert sich mit ihrem Label Odrowąż sehr stark auf nachhaltige Mode. „Ich habe eigentlich von Anfang an immer mit Naturfasern gearbeitet, einfach, weil ich die Eigenschaften mag und thematisiere das jetzt noch stärker“, erzählt Bettina. Die von ihr designten Kleidungsstücke sind weich und fließend. Traditionelle Bekleidungsarten wie das Cape oder die Kapuze sind unverkennbare Basis ihrer Arbeit, ergänzt um futuristische Elemente wie z.B. hautenge Overalls. Die Materialien bezieht Bettina, wenn möglich, aus Österreich. Knöpfe zum Beispiel bei der Firma Hirt in Graz.

Bettina Reichls Kollektion Odrowąż – das was zur Zeit im Shop zu erwerben ist. | Foto © Maria Reiner

KOLLEKTION Kay Double U
Kay Double U ist das Label von Karin Wintscher-Zinganel. Karin hat in der Ortweinschule Textildesign erlernt und arbeitet seit ihrem Abschluss im Jahr 1984 als freischaffende Modedesignerin. Sie entwirft die Schnitte und arbeitet mit Schneiderinnen zusammen, die diese dann ausführen. Die Kollektion zeichnet unter anderem individuelle Formen in klassischer Schnittqualität aus, die so zeitgemäß und gleichzeitig zeitlos sind.

SCHAFWOLLE ALS INNOVATIVER WERKSTOFF
Bettina hat bei Spaziergängen während des Corona-Lockdowns im Frühjahr eine Familie mit einer ganz kleinen Schafzucht entdeckt und sich dort in ein kleines Lamm verliebt. Um zu verhindern, dass dieses Lamm geschlachtet wird, wollte sie die Patenschaft für es übernehmen. So kam sie mit der Familie Machold ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass die Schafbauern aus Leidenschaft gar keine Verwendung für die Wolle haben. Daraus entstand die Idee, aus der Wolle Mode zu machen. Der Verarbeitungsprozess ist recht aufwendig. Die Wolle muss sorgfältig gereinigt, gekämmt und dann gefilzt werden. Die Schafwoll-Kollektion ist gerade im Entstehen begriffen.

COLOURS OF NATURE
Bei „Colours of Nature“ handelt es sich um ein Projekt mit der Uni Innsbruck, bei dem versucht wird, synthetische Farben durch Pflanzenfarben zu ersetzen. In einem weiteren Schritt wird jetzt versucht, diese Pflanzenfarben bereits im Spinnprozess in die Zellulosefasern zu integrieren. So benötigt man insgesamt wesentlich weniger Farbe, was das Ganze noch ökologischer macht. Natürliche Farbstoffe kann man zum Beispiel aus Zwiebelschalen oder Lebensmittelresten aus der Saftproduktion, roten Rüben oder Tomatenschalen aus der Ketchup-Produktion gewinnen.
www.ecology.at/colors_of_nature.htm

INSPIRATION DURCH BEGEGNUNG
Bettina Reichl ist ein Prototyp der vernetzten Denkerin. Ihre Leidenschaft für die Wissenschaft ist mindestens so groß wie die für das Modedesign. Seit 1993 beschäftigt sich Bettina mit Forschungsprojekten rund um biogenes Verpackungsmaterial. Im Verpackungszentrum, dem von ihrer Schwester geleiteten Familienbetrieb, ist Bettina für Design, Forschung, Entwicklung und Kommunikation verantwortlich. Letztes Jahr wurde in der Oststeiermark eine Fabrik mit 16 Arbeitsplätzen eröffnet, in der Zellulosenetzverpackungen produziert werden. Die Netzverpackungen aus Lenzing-Zellulose werden weltweit verkauft. Dieselben Zellulosefasern nutzt Bettina auch für ihre Bekleidungsstücke. Die Eigenschaften der Fasern aus Buchenholz ähneln denen von Seide. Proben aus Schaumstoff aus Meeresalgen, der vom Verpackungszentrum in Kooperation mit der TU Graz entwickelt wurde, hat die Familie Machold für ein Experiment verwendet, mit dem Ziel, dieses Material als natürlichen Dünger und Speicherstoff der Erde auf der Schafweide beizumengen. „Es kann so viel entstehen, so nebenbei, durch die Begegnung von ein paar Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen“, resümiert sie.

OUT OF GARBAGE – WASTE TO DRESS
Anfang 2020 startete Bettina Reichl das Projekt „Out of Garbage“ in Sri Lanka, das zwischen Verpackung und Mode liegt. Initiiert von der one world foundation begannen einheimische Frauen, die in einer Schneiderausbildung sind, aus angeschwemmten Meeresplastik, aber auch aus herunterfallenden Blättern der tropischen Gewächse, Mode zu machen. Nach zwei Wochen beendete allerdings der Corona-Shutdown die ambitionierten Pläne. Ziel des Projekts ist es, das Bewusstsein gegen die Wegwerfgesellschaft im Land zu schärfen und eine Rückbesinnung auf die Tradition mit modernem Gesicht zu erwirken, besonders auch was die Verarbeitung von Naturstoffen betrifft.

CLOSE-UP

Im Rahmen des Kulturjahres 2020 wurde Karin Wintscher-Zinganel von der Akademie Graz eingeladen, eine ganz besondere Modestrecke zu kuratieren. Gemeinsam mit der Lebenshilfe Graz und der Modeschule wurde Mode speziell für Models mit Behinderung entworfen. Die Shootings fanden im botanischen Garten der Universität Graz und der Grazer Oper statt. Die Modestrecke ist Teil des „Magazins des guten Lebens“ geworden und ausgewählte Fotos wurden in einer Ausstellung der Akademie Graz präsentiert.

Fotografinnen: Miriam Raneburger (Shooting mit der Modeschule Graz in der Grazer Oper), Karin Lernbeiß (Shooting im Botanischen Garten) mit den Designerinnen Sabrina Stadlober, Christina Seewald, Franziska Fürpass mit dem Label Femme Maison und Karin Wintscher-Zinganels Label kaydouble U.
Diese haben Mode aus ihren aktuellen Kollektionen zur Verfügung gestellt. Um zu zeigen, dass Prêt-à-porter und Haute Couture für alle tragbar ist und somit dem immer aufgestellte Vorurteil, Mode in Magazinen zeige immer nur Size Zero Mode, zu widersprechen.

Accessoires zu den Shootings wurden von von den Labels 13&9 (Brillen), White Bungalow (Blumenkamm), Barbara Edlinger (Schmuck), Hermine Prügger (Schmuck) und Paula Paul (Schmuck) zur Verfügung gestellt.

Bei der Präsentation des „Magazins des guten Lebens“ in der Orangerie war auch Doris Schmidauer anwesend. Beim Durchblättern des Magazins freute sie sich sehr, ein Kleid von Femme Maison, das sie bei den Salzburger Festspielen getragen hatte, in einer anderen Farbstellung im Heft wiederzufinden.


www.akademie-graz.at

Interview: Maria Reiner, Text: Alia Bandhauer, Fotos: teilweise von Pell Mell und Maria Reiner, Lektorat: Textstudio Graz