Alpenländische Christbaumschmuckfabrik J. Wratschko

Einst im ANNENViERTEL

Alpenländische Christbaumschmuckfabrik J. Wratschko
Wienerstrasse 180
8021 Graz

Heute befindet sich die Firma in Ungarn

Pannónia Dekor Kft.
9407 Sopron, Varsa Str. 31/B
+36 30 2887878 (Werktags 8:00-15:00)
Mail info@pannoniadekor.com
www.pannoniadekor.com

In bereits dritter Generation gibt es die einstige Alpenländische Christbaumschmuckfabrik J. Wratschko, früher angesiedelt in der Wiener Straße im ANNENViERTEL, heute in Sopron in Ungarn. Helma Sechser, die Enkelin des Gründers Josef Wratschko, erzählt über die einzige Christbaumschmuckfabrik Österreichs und wie das damals alles so gewesen ist.

Helma Sechser in dem ehemaligen Areal der Alpenländische Christbaumschmuckfabrik J. Wratschko in der Wienerstraße. Foto: Maria Reiner

12.000 Quadratmeter Grünfläche mitten im Viertel, eine Allee mit Holunderbäumen und Birken und Pferde, die am Feld nebenan lebten. Helmas Kindheit und Jugend, die sie am Gelände der Christbaumschmuckfabrik verbrachte, klingen fast ein wenig nach Märchen. „Ich erinnere mich noch an alles“, erzählt die Leiterin einer Kinderkrippe, „es war wunderschön, wir hatten sogar Fasane, denen wir jeden Abend ‚Gute Nacht‘ gesagt haben.“ Zwischen der Shell Tankstelle und dem Hirtenkloster, da wo jetzt eine große Siedlung steht, siedelte sich in den 40er Jahren die erste und einzige Christbaumschuckfabrik Österreichs an.

Die Ursprünge

1947 gründete Josef Wratschko nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft die „Alpenländische Christbaumschmuckfabrik“. „Meine Oma hatte Christbaumschmuck aus Deutschland nach Graz mitgebracht und eigentlich brachte sie meinen Großvater auf die Idee, sich mit seinem Schwager zusammenzutun. Der hatte nämlich eine Glasbläserei für medizinische Glasinstrumente“, erzählt Helma vom Ursprung der Fabrik. Über die Stadt hat Josef Wratschko eine Liegenschaft gesucht und wurde in der Wiener Straße fündig. Dort begann es ganz klein in Baracken, die seit dem Zweiten Weltkrieg freistanden, auf dem ehemaligen Areal der Diakonissinnen, wo sich früher ein Krankenhaus befand.

Foto aus dem Familienbestand

„Wenn man die Allee hineingefahren ist, war rechter Hand ein Gebäude in dem Engelshaar produziert wurde“, skizziert Helma das Grundstück. Auf der linken Seite befand sich das Wohnhaus der Familie, dahinter zwei große Produktionshallen, in welchen sich unter anderem die Glasbläserei befand. Ursprünglich gab es nur fünf MitarbeiterInnen. Als Helmas Vater, Volker Wratschko, die Fabrik 1967 übernahm, wurde der Betrieb weiter ausgebaut und auf über 60 MitarbeiterInnen aufgestockt.

Vom Glaskolben zum schimmernden Schmuck

ChristbaumschmuckherstellerIn ist kein eigener Beruf – bis auf den Glasbläser hat man sich in der Fabrik alles selber beigebracht. In Deutschland gab es eine Christbaumschmuckfabrik, die man sich als Vorbild nahm, den Rest der Information bezog die Familie über die WKO. Die Hilfsarbeiterinnen, es waren fast ausschließlich Frauen, kamen nach dem Schulabschluss und lernten direkt in der Produktion. Auch Helma selbst war Ferialpraktikantin in dem Betrieb: „Jeden Sommer habe ich mitgeholfen und gelernt. Wir haben damals sogar die Christbaumspitzen noch händisch versilbert und mussten so einen Daumenschutz tragen, den heute Bankangestellte verwenden, weil das Silbernitrat schwarz abgefärbt hat.“

Die Bestandteile für die Produktion waren Glaskolben, die aus der ehemaligen DDR bezogen wurden, und Silbernitrat und Lacke – die bekam man in Österreich.

Die Glaskolben wurden in der Glasbläserei ursprünglich per Mund, später maschinell, zu Kugeln geblasen, die zwischen drei und zwölf Zentimeter groß waren und unten einen langen Hals hatten. Die durchsichtigen Rohkugeln kamen in eine „Rüttel-Schüttel“-Anlage, wie Helma sie nennt.  Die Kugeln wurden innen mit flüssigem Silbernitrat bespritzt und unter Hitze geschüttelt. Durch das Schütteln der Kugeln wurde das Silber gleichmäßig verteilt und die Kugeln kamen auf ein Förderband zum Abrinnen und Trocknen. Das überschüssige Silbernitrat wurde abgeschöpft und weiterverkauft.

Nach dem Trocknen wurden die Kugeln am langen Hals gehalten und ursprünglich in Lack getaucht. Da dabei sehr viel Lack verschwendet wurde, werden die Kugeln heute maschinell bespritzt. War der Lack getrocknet, wurden die bunten Kugeln per Sieb- oder Tampondruck weiter veredelt.

Zum Schluss wurde der Hals abgeschnitten und goldene oder silberne Metallkappen händisch auf die Enden gesteckt. Das war übrigens der Job von Heimarbeiterfamilien.

Es gab einige Gastarbeiterfamilien, die am Fabrikgelände wohnten und arbeiteten. Die meisten kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Auch „Jugend am Werk“ war bereits früh Partner der Fabrik und übernahm händische Arbeitsschritte.

Fotos aus dem Familienbestand

Selbst die Kartons für den Schmuck wurden im Betrieb selbst hergestellt. Am bekanntesten sind wohl die Goldsternschachteln. Die waren in den Farben Tannengrün und Gold bedruckt und hatten ein Fenster eingezogen, durch das man den Schmuck sah. Für das Design der Kartonage und auch der Kugeln war lange Helmas Mutter zuständig. Sie ging mit offenen Augen durch die Welt und ließ sich inspirieren – am liebsten in einem Papierfachhandel, der verschiedenstes Geschenkpapier hatte.

Wie man an den alpenländischen Christbaumschmuck rankommt

Die Hauptabnehmer waren, und sind es auch heute noch, Unternehmen, die selber Christbaumschmuck vertreiben. Der größte Kunde ist Bronner’s Christmas Wonderland, ein Weihnachtsschmuckriese aus den USA. Kunden waren früher auch Kastner & Öhler, Quelle und Konsum. Während der Adventszeit gab es sogar einen Hofverkauf. Da konnte man die neuesten Christbaumschmucktrends erwerben. „Wir haben übrigens ganz traditionell jedes Jahr den gleichen Schmuck auf den Baum gehängt“, schmunzelt Helma. Heute wird der Christbaumschmuck nur mehr industriell von Ungarn aus weiterverkauft.

Warum die Fabrik heute in Ungarn ist

„Anfang der 90er Jahre begann mein Vater die Partnerschaft mit Ungarn aufzubauen. Der Grund war einfach – es gab keine Rohware mehr über die DDR und in Ungarn war sie günstig und gut erhältlich“, begründet Helma die Übersiedelung. 1997 wurde der Betrieb dann komplett nach Ungarn verlegt. Die Firma wurde aber nicht an irgendjemanden, sondern an Helmas Bruder Norbert übergeben. Dieser lebt heute mit seiner Familie in Sopron und führt den Betrieb, gemeinsam mit seiner Frau, erfolgreich unter dem Namen  „Pannónia Dekor Kft.” weiter.

Fotos aus dem Familienbestand von Helma Sechser, außer anderweitig gekennzeichnet, Interview: Maria Reiner, Text: Anna-Magdalena Druško, Lektorat: Textstudion Graz