heidenspass

Wir sind Jonglierkaiser und auf dem Seil tanzen, das können wir auch gut.“

Elfie Pahr, heidenspass

heidenspass gibt es schon seit 2006. Schwerpunkt ist die Produktion von Taschen aus recycelten Materialien. Aber heidenspass ist mehr als ein Handwerksbetrieb, es ist ein Sozialprojekt, bei dem es darum geht, Jugendliche und junge Erwachsenen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden, also quasi aus dem System herausgefallen sind, wieder in dieses zu integrieren. Lange bevor der Begriff NEETS (not in employement, education or training) in aller Munde war, hat Silvia Jölli, die Geschäftsführerin und Gründerin von heidenspass, den Bedarf erkannt. Sie arbeitete damals im „Schlupfhaus“, der Jugendnotschlafstelle der Grazer Caritas. Ziel war es auch eine Tagesbetreuung anzubieten, wobei Geld und Tagesstruktur im Vordergrund stehen sollten. Begonnen hat alles mit „klassischen“ Beschäftigungsarbeiten wie Postversand, schnell aber sattelte man auf die Produktion von Taschen um und war damit von Anfang an sehr erfolgreich. So kam es zur Entstehung sowohl von heidenspass als auch vom tag.werk, das mit einem ähnlichen Konzept arbeitet.

Die Menschen hinter heidenspass

Das Arbeitsprojekt heidenspass wird seit 2006 vom Verein Fensterplatz betrieben. Neben Obfrau Silvia Jölli besteht der Vorstand noch aus Jasenko Conka, Geschäftsführer und Art Director, und Elfie Pahr, pädagogische Leitung und zuständig für Sozialarbeit, Koordination der Jugendcoachs und auch „Frau EDV“.

Außerdem gibt es noch zwei Mitarbeiter*innen in der Nähwerkstatt, zwei in der Ausstattungswerkstatt – neben Jasenko –, und zwei in der Küche. Mit der Assistenz der Geschäftsführung Christine Withalm und der Shop-Verantwortlichen Kerstin Petres besteht das Team also aus 14 Leuten.

Ein Projekt – mehrere Standorte

Das Headquarter von heidenspass befindet sich in der Griesgasse 8, in unmittelbarer Nachbarschaft von Parks, Mangolds und GEA. Die mintgrüne Fassade schmückt der Schriftzug „heidenspass“. Das alte Gewölbe im Inneren beherbergt die Nähwerkstatt, die Küche, das Büro und natürlich den Shop, der mit zwei großen Schaufenstern, der verglasten Tür und einer schwarzen Schiefertafel für die handgefertigten Produkte wirbt.

Neben der Nähwerkstatt in der Griesgasse gibt es noch eine zweite handwerkliche Werkstatt, nämlich die Ausstattungs- bzw. Tischlerwerkstatt in der Ägydigasse 15. Dort wird passgenaues Innendesign geplant und hergestellt. Die außergewöhnlichen Möbel im Shop in der Griesgasse stammen übrigens aus dieser Werkstatt. Jasenko ist als Designer für die Entwürfe zuständig, die Ausführungen mit den Jugendlichen machen Sepp, ein Schlosser, und Paul, ein Bildhauer. Auch in der Ausstattungswerkstatt wird mit Recyclingmaterialien gearbeitet.

In der Dreihackengasse, im revitalisierten Dominikanerkloster, in der früheren Hauptküche ist seit Juli 2019 das heidenspass-Match-Projekt beheimatet. Dabei handelt es sich um ein sozialpädagogisches Motivationsprojekt, das mit dem Teaser „Fußball“ arbeitet. Jugendliche von 14 bis 24 werden dort betreut. Das Ziel liegt in der (Re-)Integration bzw. im Verbleib im Ausbildungssystem. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mädchen und Burschen wird angestrebt, was in der Realität nicht immer einfach ist. Neben dem Sport wird Lernunterstützung, Coaching und Sozialarbeit angeboten.

„Bei heidenspass kann man unkompliziert arbeiten und bekommt Kohle.“

Das Hauptziel von heidenspass ist es, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 25 Jahren einen unkomplizierten und niederschwelligen Zugang zu Arbeit zu bieten. Sie werden geringfügig angestellt und arbeiten dreimal die Woche für je vier Stunden. Dafür gibt es sieben Euro die Stunde. Das Geld wird täglich ausgezahlt, wer nicht auftaucht, bekommt kein Geld. Es gibt keine fixe Maßnahmendauer, gedacht ist diese Beschäftigung allerdings als Überbrückungsstation.

Der Zugang hat sich seit Beginn von heidenspass etwas geändert, bedingt auch durch soziale Veränderungen. Am Anfang haben sich 80 bis 85 Prozent der Jugendlichen selbst gemeldet, es hat sich herumgesprochen, „dass man bei heidenspass unkompliziert arbeiten kann und Kohle bekommt“. Der Schwerpunkt lag damals ab 17 Jahren, die jüngeren wurden nur schwer erreicht. Das hat sich mit der Kooperation mit dem Jugendcoaching, die seit etwa fünf Jahren besteht, verändert. Mittlerweile kommen 50 Prozent der Jugendlichen über Zuweisung.

Seit zwei Jahren gilt eine Ausbildungspflicht bis 18 Jahre. Zielgruppe von heidenspass sind Leute, die komplett aus dem System fallen, also auch keine Abendschulbesucher*innen. Es gibt eine begrenzte Anzahl von Plätzen, nämlich 20 pro Tag in allen Werkstätten. Diese werden an einen Pool von 40 bis 45 Jugendlichen vergeben. Die Jugendlichen werden teilweise fix zugeordnet, teilweise springen sie zwischen den Bereichen.

Nähwerkstatt oder Tischlerei? Oder doch lieber Küche?

Die Jugendlichen können am Beginn ihrer Tätigkeit sagen, was sie am liebsten machen möchten. Manche wollen nur in die Nähwerkstatt, andere nur in die Tischlerei. Manchmal müssen sie allerdings auch für andere Tätigkeiten einspringen, denn es gibt Aufträge zu erfüllen. Hinzu kommt, dass manche Jugendlichen nicht besonders zuverlässig sind und oft unentschuldigt fernbleiben. „Wir sind Jonglierkaiser – heidenspass hat immer Bälle in der Luft“, beschreibt Elfie Pahr die komplizierte Logistik bei der Erstellung der Arbeitspläne und fügt hinzu: „und auf dem Seil tanzen, das können wir auch.“ Eine Anspielung auf die teilweise schwierige wirtschaftliche Situation.

Gerade Burschen haben oft Berührungsängste, wenn es ums „Nähen“ geht und sind aufgrund traditioneller Rollenmustern skeptisch. „Da hilft es manchmal darauf hinzuweisen, dass eine Industrienähmaschine wesentlich mehr PS unter den Hauben habe als eine Haushaltsnähmaschine“, erzählt Elfie lächelnd aus ihrer Erfahrung.

In der Nähwerkstatt wird auch in Serie produziert, eine Arbeit, die vielen sehr liegt. Das ist bei der Ausstattungswerkstatt anders, da ist die Arbeit viel komplexer und individueller.

In der Küche bereiten die Jugendlichen unter Anleitung unter der Woche täglich ein vegetarisches Mittagessen zu und erlernen hier Fähigkeiten, die für einen späteren Job oder eine Ausbildung in der Gastronomie essenziell sind.

Planen, Fahrradschläuche und Plakate – ein Besuch in der Nähwerkstatt

In der Nähwerkstatt stehen acht Industrienähmaschinen, die gebraucht erworben wurden. Hier wird nicht mit Stoff gearbeitet, sondern ausschließlich mit Recyclingmaterial, das heißt mit Materialien, die sonst am Müll landen würden. Gesammelt und verwendet werden: Fahrradschläuche, LKW-Planen, alte Segel, Markisenstoffe, Autogurte, Jeansstoffe und vieles mehr. Auch alte Zeitschriften für die Collagenschiene von heidenspass werden hier gehortet und verarbeitet.

Bezogen werden die Materialien aus unterschiedlichen Quellen. Die Fahrradschläuche beispielsweise stammen aus einer Kooperation mit allen Radreparaturwerkstätten in Graz. Die Kids holen sie regelmäßig mit dem heidenspass-Lastenrad ab. LKW-Plane sind inzwischen schwierig zu kriegen, da Firmen wie „Freitag“ die Bezugsquellen abgrasen. „Was gut läuft, ist die ganze Werbefahnenstoff-Geschichte“, erzählt Elfie. Da muss man allerdings manchmal mangelnde Druckqualität in Kauf nehmen – ein Problem, das zum Beispiel bei der groß aufgezogenen Verwertung der Songcontest-Plakate 2015 aufgetreten ist und zu vielen Reklamationen geführt hat. Bei Sattler, einem weltweit tätigen Familienunternehmen mit Sitz in Graz, das auf die Herstellung von Spezialtextilien spezialisiert ist, werden zudem Restposten an neuen Planen aufgekauft.

Auch die alljährlich neu produzierten Diagonale-Fahnen werden in der Nähwerkstatt verwendet. Ein Produkt aus dieser Schiene: die beliebten Diagonale-Liegestühle. Es werden hier bei weitem nicht nur Taschen gefertigt: Die Therme Blumau beispielsweise liefert alte Badehandtücher und Bademäntel, die als Futterstoffe verwendet werden oder zu flauschigen Wickelunterlagen verarbeitet werden. Neben Taschen, Rucksäcken und Handy- oder Laptophüllen finden sich auch ausgefallenere Produkte wie Fliegenpracker aus 100% recycelten Materialien im Shop.

Ein weiteres finanzielles Standbein sind Aufträge von Firmen. In der Vergangenheit gab es da schon welche von der Kosmetikfirma Ringana, von Semperit oder der Kunstuni Graz. Die Stadt Graz ließ „Willkommensbücher“ für Babys produzieren und Sonnentor gab einmal die Produktion von 800 Umhängetaschen für alle Mitarbeiter in Auftrag. Dafür wurde ein eigener Entwurf angefertigt aus Sonnentor-Fahnen und Gurten aus Hanf.

Die Ausstattungswerkstatt – Wie aus einem alten Kasten und Jeans ein Sofa wird

In der Ausstattungswerkstatt werden neben Holz Materialien wie Vinylplatten, VHS-Kassetten, Jeansstoffe oder Feuerwehrschläuche verarbeitet.

Hier werden Möbel, aber auch ganze Küchen gebaut. Die Inneneinrichtung des Jugendzentrums Grünanger und die der Anlaufstelle des Jugendstreetwork in der Annenstraße stammt aus dieser Werkstatt. Für das Jugendzentrum Grünanger wurde aus einem alten Bauernkasten und Jeansstoff ein Sofa gebaut. Auch die Theke des JAM-Mädchenzentrums wurde hier geplant und gebaut. Aus alten Fahrradspeichen und sonstigem „Müll“ werden hier außergewöhnliche Lampen hergestellt und Möbelstücke kreiert.

Der Tanz auf dem Seil

Begonnen wurde 2006 mit vier Prozent Eigenerwirtschaftung, die konnte man im Laufe der Jahre auf bis zu 30 Prozent in den besten Zeiten steigern. Doch die wirtschaftliche Situation wird schwieriger. Inzwischen gibt es viele Projekte in dem Bereich, in dem heidenspass und tag.werk einst Vorreiter waren. Taschen aus Recycling-Materialien sind zeitgeistig und immer mehr Sozialprojekte nähen ihre eigenen Taschen. Zudem kommt es zu einer Verlagerung von den Shops ins Internet. Behördliche Auflagen wie die Staubsauganlage und die Schutzvorrichtungen in der Tischlerwerkstatt oder die vorgeschriebene Ausstattung der Küche verschlingen viel Geld.

Es ist ein ständiger Spagat zwischen dem sozialen Anspruch und der Wirtschaftlichkeit. Da es sich um ein Sozialprojekt handelt, arbeiten hier Leute ohne Qualifikation und das Team ist insgesamt sehr heterogen. Daher ist heidenspass immer auf Fördergeber angewiesen, in erster Linie das Land Steiermark, die Stadt Graz und das Sozialministerium.

Zukunftspläne: Wo soll es hingehen?

Die Küche ist ein völliger Selbstläufer – ohne großartige Werbung ist das Mittagessen, das hier von halb eins bis drei angeboten wird, fast jeden Tag ausverkauft. Daher wird überlegt eventuell die Küche auszubauen und verstärkt auf das „Shop & Eat“-Konzept zu setzen. Die Gastronomie bietet viele offene Stellen und es ist daher einfacher Jugendliche dorthin zu vermitteln, als in Ausbildungen im Bereich des Nähens, wo es einfach nicht so viele Lehrstellen gibt. Die Tischlerei hat da mehr Zukunft, aber in der Gastronomie gibt es definitiv am meisten offene Stellen.

Erfreulich ist, dass es vielfach gelingt die Jugendlichen an Lehrbetriebe zu vermitteln, auch wenn das nicht immer in dem Bereich ist, in dem sie bei heidenspass arbeiten. Die Jugendlichen profitieren trotzdem von der Zeit hier und erlernen Basics für den Arbeitsmarkt, wie Pünktlichkeit und höfliches Verhalten und Fertigkeiten wie Messen und Rechnen.

„Ich bin nach wie vor überzeugt von heidenspass“, so Elfie Pahr. „Oft fehlen zeitliche und finanzielle Ressourcen, aber es funktioniert, weil wir immer mehrere Bälle in Bewegung haben.“ Es wird also auch in Zukunft auf den Mix „Kochen, Nähen und Tischlern“ gesetzt werden.

Text: Alia Bandhauer, Fotos: Maria Reiner & Karina Brünner

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